Perfektion oder Illusion? Nach einem scheinbar harmlosen Kinoabend beschleicht mich ein dumpfes Gefühl: Sind wir dabei zu verlernen, echte Leistung zu erkennen – und zu würdigen? Zwei kulturelle Darbietungen in derselben Woche bringen mich ins Grübeln.
Letzten Samstag habe ich den Film Maria im Kino gesehen. Es war zwar ein netter Abend, aber das Werk zur weltberühmten Callas konnte mich nicht so recht überzeugen: Sowohl die Regie als auch das Spiel kamen zu kurz. Die Erzählung fokussierte sich auf das Divahafte einer komplexen Persönlichkeit, ohne sich damit wirklich auseinanderzusetzen, während die Darstellung eintönig und erwartbar wirkte. Mir fehlte die Tiefe.
Doch ein Aspekt beeindruckte mich wirklich: Mit welcher Präzision Angelina Jolie auf das vertonte Material «gesungen» hat. Ihre Lippenbewegungen, die Synchronisation mit Callas’ bekanntesten Auftritten – ich fand es schlichtweg meisterhaft.
Zumindest bis zum nächsten Morgen am Frühstückstisch. Denn als ich meiner Tochter vom Film berichtete und dieses schauspielerische Können erwähnen wollte, schoss es mir über die Lippen: War das wirklich eine persönliche Höchstleistung? Oder hat eine künstliche Intelligenz das makellos «gerichtet»? Vielleicht hat Jolie «nur» einigermassen im Takt gesungen, und eine kluge Software hat den Rest erledigt.
Unbehagen machte sich breit: unterstelle ich etwas oder wird mir etwas «untergeschoben»? Habe ich eine Darbietung bewundert, die nicht «echt» war?
Dieser Gedanke wirft neue Fragestellungen auf.
So wie der Zufall es will, habe ich in der gleichen Woche einen Beitrag über die Balletttänzerin Victoria Dauberville gesehen, das viral ging: mit ihrer einzigartigen Performance auf einem Schiffsbug mitten in der Antarktis kündigt die Ballerina Ihren Abschied vom Ballett an.
Der Augenblick erschien so atemberaubend schön und voller Magie, dass die Künstlerin sich im Nachhinein gezwungen sah, im Video ein Making-of einzubauen. Der Grund: Es kam im Social Media der Verdacht auf, es handele sich bei ihrer Performance um ein KI-Erzeugnis.
Was vor KI als eine besondere Leistung gegolten hätte, wird heute von vielen als Produkt technischer Vorrichtungen abgetan.
Talent und Fleiss werden durch einen Dauerfluss an austauschbaren Produkten der Technologie banalisiert. Wo einst die Ausnahme gepreist wurde, herrscht heute Beliebigkeit. Vielmehr gilt die Bewunderung der gut programmierten Täuschung.
KI hat ohne Zweifel vieles ermöglicht. Sie hilft, Prozesse zu optimieren und erweitert unsere Möglichkeiten. Aber diese vermeintliche Einfachheit hat auch einen Preis: Sie raubt der Perfektion ihren inneren Wert und den Menschen ihr Vorstellungsvermögen.
Es ist, als ob KI den Rahmen für das menschliche Tun schrumpfen lässt: Können wir uns gar nicht vorstellen, dass Menschen zu solchen Leistungen fähig sind? Oder ist die Täuschung schon so allgegenwärtig, dass Misstrauen bereits zu einem reflexartigen Umgang geworden ist? Das bittere Fazit ist, dass in beiden Fällen das Können entwertet ist.
Zur Frage, worin der Unterschied zwischen einer herausragenden menschlichen Leistung und einer perfekt generierten KI-Kreation liegt, drängt sich unweigerlich der Spruch auf «Was nix kostet, ist nix wert».
Ich wünsche mir, dass wir in Zukunft nicht vergessen, zwischen einer perfekt «aufgehübschten» Leistung und wahrer Meisterschaft zu unterscheiden.
Denn wenn wir über Perfektion staunen, ist es nicht der Perfektion wegen, sondern, weil wir anerkennen, welche Leistung zu diesem Ergebnis erforderlich war.
Über die Autorin
Bonjour! Ich bin’s, Christine Eulriet, begeisterte Französischübersetzerin. Mein Blog ist das Ticket für hinter die Kulissen meines Berufs: Wir schauen zusammen, worauf es ankommt, wenn Übersetzungen von mittelmässig zu wow werden sollen. Schlechte Übersetzungen? Nichts womit man leben muss: Hier erfahren Sie, wie Sie Ihren mehrsprachigen Auftritt beherrschen.
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